Oder: Sind wir noch zu retten?
Letzthin flogen wir im Verbund über die Berge Montanas nach Helena KHLN, mit einer Zwischenlandung in Benchmark 3U7. Der Westwood-Inn Flying Club würgt seine untermotorisierten Scouts und Cessnas über Dreitausender und durch tiefe Täler.
Einer von uns, der Werner, flog ein gar uriges Ding, ein altes deutsches Flugzeug mit Namen Do-27 (Digital Aviation/Aerosoft). Aber aber, so ein eingeschaltet gelassener Vergaservorheizer machte dem Spass ein Ende: Beim Start in Benchmark setzt er die Do ins Gehölz. Schon der Zweite Bruch auf der grossen Tour durch USA, denn ich selbst habe an einem Hang eine Scout ruiniert, wegen nachlässig durchgeführter Planung und Selbstüberschätzung.
Es ist die Dornier, die mich zu diesen Zeilen animiert. Ein Add-on, das nicht nur alle optischen Gimmicks ausschöpft, sondern den verwöhnten Flugsimulaten zudem noch mit allerhand kaputtbaren Sachen bestraft, wenn er sich nicht Mühe gibt.

Falsch bedient, da muss der Wart ran, und wenn es 'ne halbe Stunde dauert ...
Dornier? Genau die Dornier Do-27 von Marcel Felde und seinem Team, die der Flusigemeinde ein Add-on beschert hat, das in Sachen Detailtiefe seinesgleichen sucht und vom Piloten einiges abverlangt. Wird sie auch geflogen? Kaum, denn die allermeisten “Buschpiloten” oder “Backcountryflieger” setzen auf Cessna, Piper, Beaver, Scout, Husky, etc. Viele davon nicht mal mit einem vernünftigen VC, geschweige einer vernünftigen Flugphysik. Die Cessnas von Carenado brillieren mit erstklassigen Texturen, die RealAir Scouts verfügen über eine nicht zu toppende Flugdynamik. Die antiquirte Beaver aus dem Hause Aerosoft punktet durch ihr Dasein als “Beaver”, dem heiligen Gral der Buschpiloten und die SAAB Safir von Sib Wings ist einfach nur schön, wirklich schön.
Aber eines haben alle diese Add-ons nicht, ob Pay- oder Freeware: Die korrekte Umsetzung einer nicht korrekten Bedienung. Bis auf besagte Do-27 ist mir noch kein Flugzeug untergekommen, dass die Kriterien einer richtigen Bedienung auch nur ansatzweise erfüllen würde. Bis auf einige wenige, deren Motoren bei Überhitzung den Geist aufgeben, nada, nix, niente.
Und das ist ein Skandal !
Früher schrieben wir Kleinflugzeugpiloten den “Schwermetallern” die Eigenschaft zu, bei jedem neuen Add-on nach noch besser umgesetzten Systemen und noch besser animierten Klodeckeln zu schreien. Inzwischen sind wir auch so weit, der Schreibende nimmt sich da nicht aus. Alles muss perfekt sein: Das Panel, die Sitze, die Tankstutzen. Dabei wissen wir um die grundlegendsten Dinge nicht Bescheid, wie ein Thread in einem erklärten Buschforum zeigte: Da ging es um die Frage der erreichbaren Reisegeschwindigkeit bei gegebenen Powersettings. Was heisst denn nun “75% Power”? Ist das die Stellung des Leistungshebels? Wieso fliegt mein Add-on nicht so, wie es im Manual steht?
Eben, Grundlegendes. Die Antwort lieferte ein echter Pilot, die Flugsimulanten wussten es nicht. Und auch ich selber weiss vieles nicht, weil es im täglichen Flugsimulator-Alltag nicht von Belang ist. Genau hier setzt ein Add-on wie die Dornier Do-27 an: Durch den möglichen Schaden am Flugzeug bei Falschbedienung geht der Stubenpilot mit einem ganz anderen Ernst an das Flugzeug ran. Er beschäftigt sich automatisch mit Dingen, die bei anderen Add-ons nicht wichtig sind, weil nicht umgesetzt. Bei der allerschönsten Cessna von Carenado kann nichts kaputt gehen, bei den hochgelobten Avioniksuiten der Dreamfleet Bonanzas auch nichts. Haben die Flugzeuge von RalAir noch so gute Flugdynamiken, inklusive der überbewerteten Trudelfähigkeit, sie sind doch nur “Feierabend-Flugzeuge”, die den Piloten nicht wirklich fordern.

Die Do-27 als Beispiel der Liebe zum Detail
So langsam frage ich mich schon, wohin sich die Szene bewegt. Da werden immer ausgefeiltere Szenerien angeboten, mit schön gezeichneten Türklinken am Sch…haus (schon wieder die Klodeckel), der FSX gläntzt im wahrsten Sinne des Wortes mit Glanzeffekten am Flugzeug, bietet 1 Meter pro Pixel am Boden und macht die Welt rund. Der im sterben liegende FS2004 bietet immer noch die schönsten “Busch-Szenerien” und tausende von GA-Flugzeugen aller Aromen und Gustos. Aber keiner der beiden bietet mir eine wirklich korrekte Flugphysik und kein Flugzeug (bis auf die Do-27) bietet ein wirklich gutes Schadenmodell.
Also Detailtreue bis zum abwinken? Nein, sicher nicht. Aber es wäre schon ein grosses Plus, käme irgend ein Entwicklerteam auf die Idee, für die gängigsten (Klein-) Flugzeuge so ein Schadenmodell als separates Add-on anzubieten. Wie würden doch die Carenados an Qualität gewinnen, wenn da auch mal was zu Bruch gehen könnte. Wäre die Spannung auf einem Flug in den Busch nicht viel grösser, wenn die Piper Supercub einen Motorschaden durch Unachtsamkeit erleiden würde? Oder wenn bei der RealAir Citabria plötzlich die Klappen klemmen, wenn sie bei zu hoher Speed rausgefahren werden?

Die Scout, ein schönes Flugzeug. Man kann es malträtieren und nichts geht kaputt.
Es muss ja nicht gleich perfekt sein wie bei der D-27. Aber ein wenig mehr Realitätssinn bei der Bedienung eines Flugzeuges täte uns allen gut, vor allem wenn die Konsequenzen unserer Nachlässigkeit spürbar wären. Und es würde der Buschfliegerszene die Augen für das richtige Fliegen öffnen. Aus dieser Sicht würde ich mehr Add-ons à la Do-27 sehr begrüssen.
Desweiteren fällt auf, dass zwar immer neue Flugzeuge entwickelt werden, bestehende aber konsequent vernachlässigt bleiben. Als Beispiel führe ich das Scout-Citabria-Decathlon Paket von RealAir an: Wie schön wäre es doch, wenn für die Scout ein Cargo-Pod untergeschnallt werden könnte, wenn Skier erhältlich wären, wenn ein Schadenmodell nachgeliefert würde.
Modellpflege ist das Zauberwort. Nebst dem Entwickeln neuer Flugzeuge sollten ältere Add-ons mehr “Updates”, also Zusätze, erhalten, die dem Flieger eine Geschichte und eine Vielseitigkeit geben. Somit liessen sich auch Mängel beheben und der Benutzer behält seine Freude daran.

Ja, wäre die als Taildragger nicht auch schön ?
Aus meiner (sehr subjektiven) Sicht sollten bei künftigen Simulatorversionen und Flugzeug Add-ons folgende Details vermehrt berücksichtigt werden:
- Ausgefeiltere Flugphysik.
- Simulation der Luft als wichtigstes Medium, nicht nur “Bidschirmschütteln” zur Darstellung von Turbulenzen (teilweise schon umgesetzt, siehe ActiveSky et al).
- Im Flugzeug eingebaute oder separat erhältliche Schadenmodelle à la Do-27, die dem Stubenpiloten die Konsequenzen einer falschen Bedienung aufzeigt.
- Dem virtuellen Cockpit sollte mehr Beachtung geschenkt werden. Die besten Aussentexturen machen keine Freude, wenn das VC nichts taugt.
- Qualität statt Quantität: Besser nur eine oder zwei mitgelieferte erstklassige Bemalungen statt deren 20. Die gewonnene Zeit lässt sich besser für wichtigere Dinge einsetzen. Ein im Add-on enthaltenes Paint-Kit sorgt für mehr individuelle Liveries, Painter hat es genug in der Szene.
- Modellpflege: Statt immer neuere Add-ons zu entwickeln, wäre eine Modellpflege bestehender Add-ons angebracht. Ein Flugzeugmodell kann und soll wachsen: Cargopods, Skier, Ladegut, überarbeitete Flugdynamik, Schadenmodelle. Also quasi Add-ons fürs Add-on, die durchaus auch etwas kosten dürfen.
Um zur Anfangsfrage zurück zu kommen, ja wir sind noch zu retten. Weil wir eben nur Simulanten sind und weil wir uns nie zufrieden geben mit dem was wir haben. Und das wiederum treibt die Add-on-Entwickler an, immer noch perfektere und noch schönere Flieger zu kreiern, ob nun für Gratis oder für Geld.
Und weil fliegen einfach schön ist.
An dieser Stelle möchte ich allen Entwicklern von Add-ons jeglicher Art, ob Free- oder Payware, meinen Dank aussprechen, denn ohne sie wäre unser Hobby nicht das, was es ist.
… und weil Träumen immer noch am schönsten ist, schöner noch als fliegen …
Flight Simulator XX ? ....
… am besten unter der Tragfläche eines der vielen Add-on-Flugzeuge.
Urs “Maloney” Burkhardt
















Hallo Urs,
du sprichst mir aus der Seele. Die Do-27 ist wirklich ein tolles Flugzeug, das ich sowohl im FS9 als auch im FSX immer wieder gern einsetze, eben aus den von dir angeführten Gründen. Es verlangt einfach ein bisschen mehr Aufmerksamkeit als andere Flugzeuge und wer nicht aufpasst, wird mit Wartezeit bestraft, die der Mechaniker braucht um die eigene Nachlässigkeit wieder auszubügeln.
Und auch sonst kann ich deine Zeilen nur unterstützen. Eine wirklich treffende Überlegung, die du da angestellt hast.
Viele Grüße
Frank
Meine Rede!
Dem kann ich mich nur anschließen. Es ist wirklich traurig, wenn man sieht, was für nahezu perfekte Schqadensmodelle Combat Flugsimulatoren wie IL2 ableifern und wenn man dann sieht was die Flugzeuge im MFS leisten.
Toller Artikel!