Tja, wie hiess es doch in einem deutschsprachigen Forum vor nicht allzu langer Zeit: Ist der Freewaregedanke tot? Nun, die Franzosen vom Team „Restauravia“ beweisen wieder einmal das Gegenteil. Auf Avsim wurde ein Flugzeug für Gratis veröffentlicht, welches ein echter Klassiker ist.
Die Nord Aviation 3202
Schauen wir uns diesen Flieger genauer an …

Es werden vier Dateien zum Download angeboten: Jeweils eine für den FSX und den FS2004, wobei man die Wahl hat zwischen einer französischen oder englischen Dokumentation (welche den Namen auch verdient, super). Ich habe mir nur die englische Version für den FS2004 vorgenommen (wegen glänzender Abwesenheit des FSX auf meiner Platte).
Das Paket kommt mit Installer daher und dieser macht keine Fisimatenten. Im FS können dann die Flugzeuge unter „Nord Aviation“ aufgerufen werden. Ja, Mehrzahl. Von der Nord 3202 gibt es vier Bemalungen in Einzel- oder Doppelsteuerung.
Das Flugzeug versprüht einen unglaublichen Charme. In Mischbauweise erstellt verfügt es über Metallteile sowie Stoffbespannte Flächen und ein solches Hinterteil. Hier ist alles Baujahr 1957 bis ca. 1962. Es wurden nur 102 Stück davon hergestellt, als Trainingsflieger für die französische Armee.
Hier wurde Modellierkunst angewendet, die sonst nur im Paywarebereich zu finden ist. Die Modelle verfügen über eine grosse Zahl kleiner Details, die das Flugzeug real erscheinen lassen. Dazu passen die ausreichend gemalten Texturen dreier originalen gelben Armee-Trainer und eine rote „zivile“ Variante.
Was bei vielen Flugzeugaddons zu beobachten ist, findet sich auch hier wieder: Die Texturen sind etwas „flach“ gezeichnet. Details wie Nieten, Kanten und Beschriftungen sind zwar da, aber es fehlen Schattierungen, die die mangelnde Ausleuchtung des FS unterstützen. Dennoch, die Modelle wirken ausgesprochen real im FS.


Der Blick ins Cockpit zeigt die Fortsetzung des gut gemachten Äusseren des Addons. Hier finden sich anständig gemachte Texturen, die aber etwas Pixelig daherkommen. Entschädigt wird dieser Eindruck aber durch die Instrumente, welche ausserordentlich realitätsgetreu wirken. Hier wurden Gauges verbaut, die nicht die üblichen schwarzen Zifferblätter aufweisen, sondern welche hinter Glas, das reflektiert. Der Vergleich zwischen Sim und realem Cockpit spricht für das Addon!
Fliegt man solo, sitzt der Pilot vorne. Als Fluglehrer nimmt man hinten Platz, der Schüler hat dann die bessere Sicht nach vorne. Das ist auch in der Simulation umgesetzt. In der Version mit Doppelsteuerung nimmt der behelmte Kopf des Flugschülers jegliche Aussicht nach vorne, was insbesondere beim Starten und Landen schon fast nach TrackIR schreit (wer hat noch keinen?). Wobei sich der Kopf des Passagiers auch noch leicht bewegt.
Das fühlt sich dann schon verdammt real an. Das hintere Instrumentenpanel ist nicht ganz identisch mit dem vorderen, was in der Realität ja auch so ist. Bravo, gut gemacht.
Die Instrumente selber aktualisieren flüssig genug, jedoch nicht ganz so flüssig wie man das von moderner Programmiertechnik eigentlich erwarten könnte. Die Gauges sind zwar im XML-Format erstellt, im VC jedoch nach altertümlicher „PanelStudio-Manier“ platziert. Aber ganz so rucklig wie vor 5 Jahren ists nun auch wieder nicht. Und immer daran denken: Das ist ein FREEWARE-Addon!
Aprops Instrumente: Diejenigen, die Vakuum benötigen, erhalten dieses auch nur durch öffnen dreier kleiner Ventile. Und der ADF-Anzeiger werkelt auch nur bei betätigen eines Schalters, der sich „M&A“ nennt (Marche & Arrêter). Alles klar? Oui mesdames et messieurs, am Panel ist alles französisch angeschrieben und hier wird metrisch gearbeitet. Und tönen tut’s auch: Klick- und Schaltgeräusche inklusive.
Ein weiteres Highlight des virtuellen Cockpits: Öffnet man die Kabinenhaube, hebt sich der Pilot (und der FS-Viewpoint!) um einige Zentimeter, was der Sicht nach vorne beim Taxeln sicher nicht abträglich ist. Ausserdem, bei offener Kabine wird der Moror merklich lauter. Auf die Idee muss man erst mal kommen!
Der Motor übrigens, der ist ein Protzer. Unter der Haube werkelt ein Vierzylinder Potez Reihenmotor mit Turbolader und hat sage und schreibe 260 PS. Das ist viel für ein so kleines Flugzeug, und man merkt dann diese 260 Esel schon beim fliegen. Das hier ist kein „Döschwo“!
Ein nettes Detail auch: Der Motor ist nachgebildet, ebenso die Mechanik der Propellerverstellung.
Allright, gehen wir in die Luft damit. Schon beim Startlauf ist Fussarbeit angesagt, die beagten Esel sorgen gut für Torque, aber auch für Vortrieb. Schnell ist die Nord 3202 airborne und dann ist Trimmen angesagt. Diese reagiert etwas schwach, man kommt kaum nach. Aber einmal ausgetrimmt fliegt die Kiste brav greade aus, ruhige Luft vorausgesetzt.
Fliegt man nach Manual, liegen 240 km/h drinn, recht flott für ein „putt-putt“-Flieger aus den 50′ern. Der Franzose gibt sich aber recht heiss, wenn’s um Aerobatik geht: Rückenflug, Loop, Abschwung, Spin, alles möglich. Und mit den 260 Rössern auch gut zu fliegen. Da der Motor aufgeblasen ist, braucht sich der Pilot auch nicht um das Gemisch zu kümmern, sofern er nicht über 10′000 Fuss hinaus will.
Die Landung ist nicht ganz so einfach, aber nach mehrmaligen Üben kriegt der Stubenpilot schöne Dreipunkter hin und das auf relativ kurzer Strecke. Bei diesem Flugzeug muss man tunlichst etwas Gas stehen lassen und eher flach anfliegen, denn der Strömungsabriss kommt ohne Vorwarnung.
Die Nord 3202 erinnert ganz zwangsläufig an ein anderes Trainingsflugzeug kanadischer Provenienz: Die de Havilland Chipmunk. Diese unterscheidet sich jedoch von der Nord wesentlich. Erstere hat einen mikrigen 140 PS Motor und keinen Verstellpropeller, wärend die Nord mit einem viel stärkeren Kraftwerk aufwarten kann. Somit ist die Nord auch zu Manövern fähig, die der Chippy nicht gut bekämen. Auch ist man mit der Nord viel flotter unterwegs und irgendwie liegt mir halt die Französin eher am Herzen als die kühle Kanadierin …
Ach ja, der Schreibende wäre nicht sich selber treu, wenn er nicht die blassgelbe Aussenhaut dieser heissen Franzdame „rezykliert“ hätte (mit kanadischer Registitrierung, als Ersatz für die Abservierung der Chipmunk):

(Wird eines Tages auf Avsim zu finden sein …)
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Also, um die Anfangs gestellte Frage nach dem Tod des Freewaregedankens nochmals aufzugreifen: Nein, nein und nein. Mag ja sein, dass gute Freeware selten wird (gute Freeware war immer selten), ab und zu lugt unter dem Wust von Cessna, Piper und Schwermetall eine Perle hervor, die es Wert ist, sich darüber zu freuen. Die Nord 3202 von Reatauravia ist mit Sicherheit so eine Perle, und zeigt nebenbei manch billiger Payware die lange Nase.
Dieses Addon ist nicht ganz ohne Fehler und Mankos. Die Aussentexturen wirken zwar etwas lieblos und die Paneltexturen sind etwas pixelig. Trotzdem wirkt das Flugzeug stimmig, vor allem, wenn es aus dem VC geflogen wird.
Auch wurde beim Zusammenstellen des Paketes geschlampt: Eine Textur fehlt und muss händisch kopiert werden. Es ist dies:
- helice-blurred.bmp vom Ordner „texture.JK“ in den Ordner „texture.ZBA“.
Auch empfielt sich das kopieren der Textur:
- Moteur_potez.bmp vom Ordner „texture.JK“ in die anderen Texturordner.
Achtung: Entgegen den Gepflogenheiten des FS2004 befinden sich die Texturordner der Nord in einem separaten Verzeichnis im FS\Aircraft Ordner: X:\FS9 main dir\Aircraft\Nord3202texture\*.*
Die „Nietenzähler“ unter uns werden auch monieren, dass der Propellerkreis aus dem VC weisse Streifen hat, obwohl der Propeller deren gelbe aufweist.
Der Sound ist dem Original gut nachempfunden, lässt aber etwas Tiefe und Wucht vermissen.
Was ist nun von dieser Freeware zu halten? Kurz gesagt: Installieren und geniessen! Denn hier wird uns ein Flugzeug geschenkt, dass nun wirklich alle Register zieht: Gutes Äusseres, gutes VC, anspruchsvolles Flugverhalten, kräftiger Motor, Charme.
Mit der Nord 3202 lassen sich Rennen fliegen, Turnstunden vor Publikum machen, längere Strecken absolvieren und nicht zuletzt ist die Franzkiste ein ausgesprochen passables Backcountry-Flugzeug, das sich auch auf nicht ganz so gepflegten Hinterlandpisten wohl fühlt.
Für „Restauravia“ und deren Nord 3202 gibt es hier den exklusiven …

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Urs „Maloney“ Burkhardt




















Wieder mal ein echtes Maloney-Review der ersten Klasse aus erfahrener Hand.
Mit spitzer Feder geschrieben, Details auf den Punkt gebracht, schörkellos, niemandem nach dem Mund geredet, faktentreu, mit Lob und Tadel nicht gespart.
Einfach stimmig wird man feststellen, wenn man das Flugzeug schon geflogen hat.
Vielen Dank an „Restauravia“ für dieses Geschenk!
Da kann sich manche schnell rausgehauene Payware eine große Scheibe abschneiden.