Die Australische Softwareschmiede Orbx, allen bekannt für ihre FTX-Geländeszenerien, macht seit Kurzem auch Flugzeuge. Genauer gesagt, die Lancair IV-P. Wenn ein Entwickler, der seinerzeit virtuelle Cockpits für Carenado’s Flugzeuge offiziell massiv verbessert hat, nun auch selber ein Flugzeugaddon herausgibt, ist das schon was Besonderes. Da schwingt die Erwartung mit, ein Addon der Extraklasse erhalten zu können.
Kurz gesagt: Die Erwartungen wurden erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen.
Die einzige Entäuschung, es ist ein moderner “Plastikbomber”, mit Ausrüstung für IFR und dermassen hohen Anfluggeschwindigkeiten, dass die Lancair nun definitiv nicht als “Buschflugzeug” für Pisten im “Nirgendwo” durchgeht. Das war aber auch nicht die Absicht hinter diesem Projekt. Ich habe mir sie trotzdem zugelegt, und sei es nur um des “jagen und sammelns” willen.
Mein Herz schlägt für eher grobschlächtiges Luftgefährt, wie die Cub, die Bird Dog oder auch Beaver, Goose und fette B-17 und P-47. Wenn ich längere Strecken fliegen soll, dann in einer betagten Mooney (mit besagtem Orbx-VC) oder Cessna 182RG (ebenfalls mit VC von Orbx). Die sind ebenfalls IFR tauglich und verfügen über anständige Reisegeschwindigkeiten.
Und nun könnte ich das auch mit der Lancair IV-P machen. Hier steht das “P” im Namen für “Pressurized”, will heissen, damit kann man hoch hinaus. Wichtiger aber ist die äussere Erscheinung der Lancair: Sagen wir, die Mooney M20J ist ein alter, angerosteter Mercedes 300D aus den 80′er Jahren. Dann ist die Lancair IV-P ein Jaguar XJ aus den 90′ern. Beide sind irgenwie “Oberklasse”, unterscheiden sich aber frappant in ihrer Erscheinung. Die Lancair IV-P ist ein Flugzeug, dass ihre schnittigen Linien zur Schau stellt. Das Flugzeug strotzt vor Kraft und Sprtlichkeit, dass es eine Art hat. Dies setzt sich auch im Cockpit fort, wo die Lancair gegenüber einer Mooney M20J mit Eleganz und nüchterner Bescheidenheit aufwartet. Dabei wirkt das VC bei weitem nicht so steril, wie man es von so einem “Plastik”-Flugzeug erwarten könnte. Gekonnt sind Ledersitze, Seitenwände und Kabinendach gezeichnet, ebenso gekonnt ist das Panel mit dezenten Gebrauchsspuren dotiert. Die üppige Instrumentierung kommt aufgeräumt daher, nüchtern und professionell. Orbx setzte da auf ehrer traditionelle Uhren, mit einigen moderneren LCD-Instrumenten für die Motorsteuerung sowie Garmin GNS430 Radio/GPS und etwas älteren Bendix Geräten.
Für ein Flugzeug aus Verbundwerkstoffen ist das Äussere des Addons wirklich gut umgesetzt. Da das Flugzeug ja aus “Plastik” gebaut ist, besteht die Gefahr, dass im FSX zuwenig Details sichtbar sind. Nicht so bei der Lancair von Orbx. Die Texturen wirken nicht flach, sondern sind mit sehr moderaten Gebrauchsspuren sowie dezenten Verschmutzungen versehen. So kommt das Flugzeug optisch sehr real daher und wirkt nicht langweilig. Für Stubenpiloten mit etwas älteren Rechenknechten wird zu jeder Bemalung auch ein Satz niedrig auflösender Texturen mitgeliefert, was die Prozessoren entlastet und ein flüssiger Betreib möglich macht. Mit acht verschiedenen Bemalungen sowie 5 farblich abgesetzten VC’s wird auch eine grosse Auswahl geboten, die von eher traditionellen Liveries bis zu ausgeflipptem Paintbrushing reicht. Bill Womack bietet sogar ein Standesgemässes “Jaguar”-Repaint an, samt Wurzelholzpanel und hellbraunem Ledergestühl. Aussen selbstverständlich in British Racing Green.
Fliegerisch bewegen wir uns hier jedoch abseits der ausgetretenen “Backcountry”-Pfade. Wenn ich als reiner Stubenpilot auch keine echte Flugerfahrung als “PIC” habe, so flog ich des öfteren mit Cessnasen, Pipers und alten Doppeldeckern als Passagier mit und erlaube mir bezüglich des Flugverhaltens einiger Addons eine bescheiden Aussage treffen zu können. Nicht so bei dieser Kategorie Flugzeugaddons. Hier bin ich vollständig auf die Angaben und Versprechungen des Entwicklers angewiesen.
Und somit erübrigt sich eine Abhandlung in Sachen korrekt umgesetze Flugeigenschaften. Was aber mit Sicherheit gesagt werden kann: Die Lancair IV-P von Orbx erfordert ein Umdenken für den GA-Piloten. Da der verbaute Lycoming Sechszylinder für ordentlich Schub und die aerodynamisch optimierte Formgebung für Effizienz sorgt, bewegt sich die Lancair eher wie ein kleiner Jet. Steig- Sink- und Rollraten erlauben ein sportliches Fliegen, und die Druckkabine ermöglicht ein gepflegtes cruisen auf 25’000 Fuss über dem Wetter.
Aussergewöhnlich sind auch die eher langen Start- und Landerollstrecken von gegen 1900 Fuss. Zusammen mit der hohen Anfluggeschwindigkeit von 100 KIAS setzen diese dem Backcountryfliegen ein Ende. Nix mit Tipella, Forks oder Walter Sutton’s, das Flugzeug ist für längere Pisten gemacht. Auch wenn die Abreissgeschwindigkeit bei gesetzen Klappen bei 60 KIAS liegt, sind doch die Startstrecken erheblich länger als die möglicherweise erzielbaren Landestrecken. Mag sein, dass man die Lancair auf einer “Buschpiste” runter kriegt, hoch kriegt man sie definitv nicht mehr. Der Hobel ist eben ein schnelles Reiseflugzeug und kein Lastesel für das Outback.
In Sachen Bedienerfreundlichkeit mag das richtige Flugzeug ja gut sein, das Addon ist es nur bedingt. Die Garmin-, S-Tec- und Motoreninstrumente können zwar mit der Maus bedient werden, aber das artet in eine Fummelei aus. Gut dran ist, wer mit TrackIR fliegt (sowieso empfehlensert). Der kann sich vorbeugen und “fummeln”. Mit dem Service Pack auf Verison 1.1 wurden immerhin 2D-Panels der Radios eingebaut, was etwas Linderung verschafft. Dieses Gefriemel hat man aber auch in anderen Addons, die mit komplexeren Instrumenten ausgestattet sind, so dass ich das Orbx nicht gross ankreide.
Und ausserdem: Keiner “muss” mit dem Teil IFR fliegen.
Ein Kirtikpunkt besteht jedoch. Wenn man die beiden Garmin GNS430 einschaltet, sackt die Leistung ab. Wer einen schwachen PC hat, wird wohl nicht glücklich. Mit meinem ein Jahr alten i7-920 mit 12GB RAM und der nVidia GTX295 hält sich das in vernünftigen Grezen.
Ein weiteres Detail ist der Sidestick, mit dem die Lancair geflogen wird. Wie in diesen modernen, grossen “Luftbussen” hält der Pilot einen Joystick in der Hand, der für den Piloten an der linken Seitenwand, und für den Copiloten an der rechten Seite angebracht ist. Somit hat man freie Sicht aufs Instrumentenbrett, aber man muss den Kopf etwas zur Seite neigen, wenn man das Motorinstrument ablesen möchte. Na ja, alles gibt’s nicht umsonst. Um der Realität Respekt zu zollen, habe ich meinen Saitek X52 auf die linke Seite gestellt und flog mit der linken Hand am Stick. Hmmm, an der linken Feinmotorik muss ich als rechtshändischer Mitbürger noch schwer arbeiten …
Zum Schluss lässt sich sagen, dass die Lancair IV-P für eingefleischte Backcountrypiloten wie mich kein absolutes “must have” ist. Die Verwendbarkeit nur auf grössere Flugplätze mit langen Pisten ist mir zu einschränkend. Auch sagt mit persönlich die moderne Formgebung der Lancairs, Cirrus’s, und Columbias nicht sonderlich zu, ich fliege lieber konventionellere Flugzeuge. Aber als willkomene Abwechslung mag ich sie dennoch.
Wer gerne sportlich und stilvoll unterwegs ist, zudem IFR mag und schnell sein will, dem sei die Lancair IV-P von orbx empfohlen. Der Preis von 36 Aussiedollars mag nicht gerade niedrig erscheinen, ist aber dem gebotenen sehr angemessen.
Urs






Ein schönes Review, Urs! Interessant, dass wir bei unseren Reviews in grundlegenden Zügen die gleichen Ambitionen hatten…
Gruß,
Stefan